Graziella Contratto |
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2002 |
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Musik und Theater Oktober-Ausgabe 2002 Der Tod und das Mädchen und der Tango Für einmal steht «Le Rouge et le Noir» nicht für Stendhals berühmten Roman, sondern für Tango: Sinnlichkeit und Tod – hautnah zu erleben in einer ebenso kargen wie klugen Produktion von Astor Piazzollas einziger Oper «María de Buenos Aires» im Mythenforum Schwyz Draussen nebelt und nieselt es, aber drinnen, im Saal des Mythenforums Schwyz ist es warm. Wir sind weit weg: in Buenos Aires. Und nah dran: am Tango, an der Geschichte der María de Buenos Aires, die – so heisst es – «an einem Tag, da Gott betrunken war» zur Welt kam. Eine Geschichte im traditionellen Sinne ist es nicht, was uns der argentinische Komponist Astor Piazzolla und sein uruguayanischer Librettist Horacio Ferrer in ihrer 1968 uraufgeführten Tango-Operita vorsetzen. Stadtmythos, Heiligenlegende vielleicht: María, Textilarbeiterin vom Lande, gerät in den Strudel der Metropole, den Schmelztigel der Kulturen am Rio de la Plata. Wird da, vom Tango, vom Bandoneon, vom Leben verführt, zur Tänzerin, zur Sängerin, zur Hure. Stirbt. Doch María ist nicht tot – genauso wenig wie der Tango tot ist. Beide verändern sich, kehren wieder, oszillieren zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Schmerz und Lust, Sehnsucht und Erfüllung. So ist den Piazzollas Meisterwerk als wunderbare Mischung von Wort, Musik und vor allem Tanz eine Art «Homenaje» an den Tango, den Tango nuevo, und María selbst seine Verkörperung. Eine an Anspielungen und Metaphern reiche «Geschichte» also, der weniger mit dem Kopf, aber umso mehr mit dem Herzen zu folgen ist. So wie auch Piazzollas Musik, die die unterschiedlichsten Stilelemente verschmilzt und transfomiert, eher fürs Ohr denn für die Füsse ist. Dennoch trägt die vorgängige kurze Einführung der Dirigentin Graziella Contratto, die das Werk als Produzentin realisiert hat, erheblich zum Verständnis bei. Sie, selbst aus Schwyz stammend, hat ein hochkarätiges internationales Ensemble zusammengebracht und ihren Heimatort buchstäblich in ein Tangofieber versetzt – wie anders wäre es zu erklären, dass selbst im vollgestopften Theaterfoyer Paare den Tangoschritt üben für die jeweils an die Aufführung anschliessenden Tangonächte? Die Berlinerin Mirella Weingarten (Regie/Ausstattung) hat einen minimalistisch zwingenden Bühnenraum geschaffen, dreiseitig flankiert von Zuschauertribünen: ein urbanes Café mit roten Tischen, über denen nackte Glühlampen baumeln. Hier sitzen sie, alle ganz in Schwarz gekleidet, die Tagediebe, die Zuhälter, die Dirnen und Tangueros, die Heiligen und Poeten. Stimme verleiht ihnen «el Duende», eine Art rezitierender Magier, dargestellt von Daniel Bonilla-Torres. Capucine Chiaudani erweckt mit ihrem wandelbaren Sopran, bald klagend, bald schneidend, dann wieder zart und verletzlich, die Symbolgestalt María zum Leben. Ihren vokalen Gegenpart, den vielgesichtigen Ladrón, gibt der Bassbariton Luciano Miotto: mitfühlend, aber auch begehrlich, brüderlich beschützend, aber auch machohaft. Die verschiedenen Inkarnationen der María hat die intelligente Regie verschiedenen Tänzerinnen und Tänzern, vom alternden Paar bis hin zum kleinen Mädchen, anvertraut. Zu zweit, zu dritt, Frauen mit Männern, Frauen unter sich, Männer mit Männern, zärtlich und aggressiv tanzt das Ensemble mit ganzem Körpereinsatz. Aber auch mal buchstäblich nur den Fingern auf der Tischplatte. Und sogar so, dass selbst Tische und Stühle tanzen, geheimnisvoll animiert von den unter den Tischen versteckten Akteuren. Und wenn am Schluss das alte Paar stumm, ohne Musik tanzt, stockt der Atem. Mit elektrisierendem Klang unterstützt das italienische Tangoquartett «Four for Tango», ergänzt durch weitere Instrumentalisten, die optischen Eindrücke. Das Resultat ist ein kongeniales Zusammenspiel von Roheit und Raffinesse, von ungestümer Ekstase und depressiver Erstarrung. Der Tango reflektiert sich gewissermassen selbst: elegantes Gleiten, zögerndes Verharren auf einem Punkt, unterschwellige Brutalität ... Und man taumelt hinaus in die kalte Nacht – und spürt den Nieselregen nicht. Bruno Rauch |
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